Bürgerverein Altenburg-Altstadt e.V.
 

Protestaktion "Rettet unsere Altstadt!" war ein Erfolg

Die Schauspieler Gisela Aderhold und Moritz Tittel hatten gemeinsam mit dem Bürgerverein Altenburg-Altstadt aus Anlass des Abrisses des Ballhauses für Samstag, den 1. März 2008, zu einer Demonstration durch die Altstadt von Altenburg aufgerufen. Die Kundgebung, die unter dem Motto „Rettet unsere Altstadt!“ stand, sollte auf die Gefährdung wichtiger Baudenkmäler im historischen Kern Altenburgs aufmerksam machen.

Trotz Sturmtief „Emma“ fanden sich 50-60 Mitstreiter, die für die Belange der Altstadt ein Zeichen setzen wollten, am Skatbrunnen auf dem Brühl ein. In der Eröffnungsrede würdigte Moritz Tittel den Erhalt des Historischen Frisiersalons in der unweit gelegenen Pauritzer Straße durch die Friseurinnung als ein positives Beispiel für bürgerschaftliches Engagement in der Altenburger Altstadt. Der Demonstrationszug bewegte sich zum Rathaus. Durch ein lautstarkes Pfeifkonzert wurden Stadtverwaltung und Stadtrat an ihre Verantwortung gegenüber unserem historischen Erbe erinnert.

Am Josephinum machte Martin Burkhardt einige Bemerkungen zur Geschichte des Hauses und zu seiner persönlichen Motivation für die Teilnahme an der Kundgebung:

Als Bewohner eines historischen Altenburger Bauernhofes im Altenburger Land engagiere ich mich bekanntermaßen für den Erhalt unserer einmaligen Bauernhoflandschaft.

Genauso wie das gesamte Altenburger Land mit seiner unverwechselbaren Architektur, liebe ich meine Residenzstadt Altenburg, denn um beides beneiden uns viele andere Städte und Regionen Deutschlands. Der kulturelle Reichtum unserer Residenzstadt resultiert in nicht geringem Maße aus dem Reichtum der umliegenden Dörfer und ihrer Bauern. So ließen sich viele der wohlhabenden Bauern des Altenburger Landes eine innerstädtische Villa bauen. Auch das Haus der Landwirte ist ein Beleg für diesen ungewöhnlichen Reichtum. Insofern muss jeder, der sich für den Erhalt der kulturellen Substanz der Dörfer des Altenburger Landes engagiert, auch für den Erhalt der Altenburger Altstadt eintreten.

Wir stehen hier vor dem Josephinum. 1838 - 1841 im klassizistischen Stil als Gymnasialgebäude und Lehrerseminar gebaut und nach dem damals regierenden Herzog Joseph von Sachsen-Altenburg benannt, war es später gewerbliche Berufsschule. Vor 1989 war auch ein Berufsberatungszentrum dort angesiedelt.

Nach der Wende wurde es noch für Belange der Stadtverwaltung genutzt, zuletzt für die Straßenverkehrsbehörde. Seit einigen Jahren steht es leer und die Zukunft des Baues ist völlig ungewiss. Das Josephinum ist ein imposanter Bau. Schon mancher imposante Bau in Altenburg – ich erinnere an den Goldenen Pflug – ist dem Erdboden gleichgemacht worden, obwohl man sich dies vorher niemals hätte vorstellen können. Vielleicht besteht für das Josephinum aber doch noch Hoffnung: Vielleicht könnte man mit dem Nutzungskonzept „Buchhaus“, das eigentlich für das Ballhaus vorgesehen war, das Josephinum retten? Stadtbibliothek und Stadtarchiv könnten auf diese Weise eine schöne Heimat finden.

Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: Oftmals werden Gebäude wie das Josephinum, die sich seit einigen Jahren in schlechtem Zustand befinden, als „Schandfleck“ bezeichnet – auch von offizieller Seite. Ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Begriff nationalsozialistischen Ursprungs ist und der Diffamierung von Juden und anderen Feinden der Nazis diente. Die Verwendung des Begriffs „Schandfleck“ in Bezug auf historische Gebäude, Gebäude welche oft 200, 300 Jahre und älter sind, nur weil sie ein paar Jahre leer stehen, lehne ich strikt ab.

Als der Demonstrationszug über den Topfmarkt in Richtung Ballhaus zog, schlossen sich spontan weitere Teilnehmer an. Am Ballhaus, das sich gerade in der Abrissphase befand, berichtete der Vorsitzende des Bürgervereins, Dr. Johannes Frackowiak, über die das Ballhaus betreffenden Aktivitäten des Vereins in den vergangenen Wochen und rief den Oberbürgermeister zum Dialog mit den Bürgern über die weitere Entwicklung der Altstadt auf:

Obwohl der Bürgerverein Altenburg-Altstadt nicht der Initiator dieser Veranstaltung ist, möchte ich dennoch als Vorsitzender dieses Vereins einige persönliche Worte zum Thema Ballhaus sagen. Wir haben in den vergangenen Wochen einiges unternommen, um das Gebäude und vor allem den im Hinterhaus befindlichen Konzert- und Ballsaal doch noch vor dem Abriss zu retten. Wir haben mit dem Eigentümer des Grundstücks verhandelt, mit dem Oberbürgermeister der Stadt Altenburg gesprochen, haben auch an den Stadtrat appelliert, in den Haushalt für 2008 noch Mittel für den Erwerb und die Grundsicherung des Hauses einzustellen. Leider vergebens. Die Verantwortlichen der Stadt haben keine Mittel bereitgestellt, und der Eigentümer war nicht bereit, den Abbruch zu verschieben. Das Ergebnis können Sie besichtigen, wenn Sie durch die Baulücke nach hinten blicken.

Die FAZ hat in einem Artikel über das Ballhaus von der „Mischung aus Rat- und Ideenlosigkeit, Phlegma und Ungeschick aller unmittelbar Beteiligten“ gesprochen, die dazu geführt habe, dass „im Osten Deutschlands ein weiteres Mal jenes kostbare Erbe verspielt“ wird, „das man im Westen für teures Geld aus Resten zusammenzustückeln“ sucht. Auch wir haben aus dem Scheitern unserer Bemühungen wichtige Lehren und Konsequenzen gezogen. Die Stadtverwaltung jedenfalls, so unsere Erkenntnis, kann für den Fortbestand der Altstadt nicht sorgen, zumindest nicht allein, denn ihr fehlt das nötige Geld. Um so mehr erfordert dies eine enge Zusammenarbeit der politischen Verantwortungsträger mit der engagierten Einwohnerschaft. Konzepte für den Erhalt der Altstadt oder einzelner Häuser müssen gemeinsam diskutiert werden. Auch dürfen von der Stadtverwaltung erarbeitete Nutzungskonzeptionen in Zukunft nicht mehr unter Verschluss gehalten werden. Der Beweis dafür, dass dies für ein Haus tödlich sein kann, wird durch das Schicksal des Ballhauses mehr als erbracht.

Wir fordern demzufolge den Oberbürgermeister der Stadt Altenburg, Herrn Michael Wolf, zu einem auf Augenhöhe geführten Dialog mit den interessierten Bürgern der Stadt Altenburg über die Zukunft der Altstadt auf. Herr Wolf, ich rufe Ihnen zu: Nutzen Sie die beträchtliche Kompetenz Ihrer Einwohnerschaft dafür, die schwierigen Probleme, die vor uns liegen, zu lösen. Der in Teilen sehr schlechte Zustand der Innenstadt ist Beleg dafür, dass die Kompetenz von Stadtverwaltung und Stadtrat allein bisher nicht ausgereicht hat, um eine nachhaltige Verbesserung dieses Zustandes zu erreichen. Man muss den Mut haben, bisherige dogmatische Vorstellungen über Bord zu werfen und neue Wege zu gehen. Sollten wir diese neuen Wege nicht finden, wird in 10-15 Jahren von unserer Altstadt nicht mehr viel übrig sein.

Wir engagierten Bürger bieten den politischen Verantwortungsträgern vorbehaltlos unsere Mitarbeit bei dieser schwierigen Aufgabe an.

Auf dem Weg zum ehemaligen Konsum-Kaufhaus Hillgasse wies der Veranstalter auf die Geschichte der bereits abgerissenen wertvollen Baudenkmale in der Teichstraße hin:

Die Teichstraße spiegelt in besonderem Maße die Tragik der Altenburger Altstadt wider. Ihre Bausubstanz wurde bereits durch die DDR in sträflicher Weise vernachlässigt und sollte auf der Südseite Ende der 80er Jahre komplett einer Straßenverbreiterung zum Opfer fallen. Das geplante Schicksal der Teichstraße war eng mit der friedlichen Revolution in Altenburg verknüpft. Durch die Wende waren diese Pläne zunächst auf Eis gelegt. Dennoch verschwanden seit 1989 einige der wichtigsten Baudenkmäler dieser Straße, die mit ihren wertvollen Häusern eine der architektonisch wichtigsten unserer Altstadt war.

- 1994 fiel das barocke, 1760 vom Ratsbaumeister Johann Georg Hellbrunn errichtete Gebäude Teichstraße 2 mit seinem wertvollen Interieur – unbeabsichtigt oder beabsichtigt – den Baumaßnahmen am Roßplan zum Opfer. Bauträger war die sogenannte Altenburger Städtebau GmbH unter einem Herrn Henn, der sich heute Gerüchten zufolge auf den Bahamas aufhält.

- Vor einigen Jahren wurde der Renaissancebau Teichstraße 16 niedergelegt, der 1576 auf den Grundmauern des mittelalterlichen Magdalenenklosters errichtet worden war. Zur Wendezeit in Privatbesitz, verfiel das Haus immer mehr. Nach dem Erwerb durch die Stadt Altenburg wurde es mit Steuermitteln abgerissen.

- Das dritte wertvolle Baudenkmal, das zur Zeit beseitigt wird, ist das ehemalige Konzert- und Ballhaus „Preußischer Hof“, das zwischen 1865 und 1868 im spätklassizistischen Stil gebaut wurde. Kulturhistorisch bedeutend war der im Hinterhaus befindliche Ballsaal. Dessen verschwenderische Stuckdekorationen, Emporen mit arabesken Ziergittern auf grazilen Gusseisensäulen, Pilaster, Bögen und antike Gesimse, pompejanisch Rot und üppige Vergoldungen sind nun bereits Geschichte. Nach 1945 sank er zur Lagerhalle ab, weshalb sich heute nur mehr die älteren Mitbürger an diese Festhalle erinnern können.

- Das vierte und einzige noch existierende wertvolle Denkmal ist das im Renaissancestil Anfang des 17. Jahrhunderts gebaute Haus Teichstraße 12, das damit eines der wenigen Bürgerhäuser in Altenburg darstellt, die in diesem Baustil aufgeführt wurden. Architekt war Wulf Rieth, der kurz nach 1600 einige bedeutende Gebäude in Altenburg entworfen hat. Auch die Zukunft dieses Hauses ist ungewiss.

In der Hillgasse wurde auf den sich nach mehrfachen Bränden im Innern ständig verschlechternden Zustand des 1913 im Jugendstil von Arthur Hermann Richter entworfenen Kaufhauses hingewiesen.

Letzte Station des Zuges bildete die Teichvorstadt mit den beiden Baudenkmalen Nr. 1 (Gasthof „Weißes Roß“) und Nr. 4 (ehemals „Stadt Dessau“). In diesem Zusammenhang fand die Tatsache Erwähnung, dass es sich beim „Weißen Roß“ um den ältesten Gasthof der Stadt Altenburg (errichtet im 17. Jahrhundert) handelt. Das zweite Gebäude, den Altenburgern vor der Wende als das HO-„Gastronom“ bekannt, war von 1920 bis 1935 Besitz der jüdischen Kaufmannsfamilie Grünwald. Die auf der Rückseite des Gebäudes noch vorhandene Tafel der Firma Grünwald stellt vermutlich das letzte Zeitzeugnis jüdischer Kaufleute in Altenburg dar.